Heute muss ich noch einen Artikel schreiben, weil es schon so lange her ist und mir letztens viele Dinge durch den Kopf gingen. Eines davon sind Ausnahmen, das andere ist die Architektur des Armenviertels und die damit verbundenen Probleme fuer Post, Telefon, Wasser und Strom.
Erstmal die Ausnahmen: ich fuhr im Bus. Draussen am Bus steht dran: es ist verboten, jemanden umsonst mitzunehmen. Na gut. Ich weiss nicht, ob ich schon beschrieben habe, dass die Busse hier zwei eigenartige Dinge haben. Erstens, dass der Auspuff nach oben mit dem Dach abschliesst und zweitens, dass in dem Bus ein Drehkreuz ist, durch das man gehen muss, vorbei an der Person, die die 2 Reais Busfahrt entgegen nimmt. Ja, es gibt immer die Grundaustattung Busfahrer und sitzender Schaffner in JEDEM Bus. (Haetten wir das in Deutschland, wuerden bestimmt nicht ueber 4 Millionen Menschen rumschreien, weil sie nichts zu arbeiten haben. Sie wuerden dann rumschreien, was fuer eine stinklangweilige, bloede Arbeit das ist. Naja, Ohropax, schreib ich da nur.) Also, man darf niemandem eine Fahrt umsonst geben, okay? Und was passiert, es steigt eine Person ein, weint ein bisschen vor dem Schaffner rum und darf unter dem Drehkreuz durchkriechen. Ich finde das ganz huebsch, ich mag Ausnahmen. Allerdings ist das hier auch so eine Idiotie: entweder sie machen Ausnahmen, die einen erstaunen oder aber sie wollen partout nicht verstehen, dass man GERADE JETZT eine Ausnahme braeuchte, aber sie sie einfach nicht geben. Es ist verrueckt und vielleicht nicht ganz klar, was ich damit meine. Wenn mir eine weitere Situation auffaellt, trage ich sie ein.
Architektonische Betrachtungen des Armenviertels.
Der Anfang eines Armenviertels sieht meist so aus: es wird in der Stadt (aus ganz Brasilien und vor allem aus dem Nordosten wandern sie in die Stadt, bevorzugt São Paulo, weil es eine Business-Stadt ist) eine gruene Flaeche gesucht. Dort lassen sich einige Wanderer mit allerlei Plastikfolien nieder. Sieht aus wie aufm Zeltplatz, nur dass der Platz an sich nicht sehr nach Zeltplatz aussieht, weil niemand einen Zeltplatz auf der Gruenflaeche einer Verkehrsinsel errichten wuerde. Also, es faengt so an. Vielleicht auch nicht nur eine Verkehrsinsel, aber manchmal ein Platz, ueber den man sich wundert. Zumindest wird (wenn das Material von irgendwoher besorgt werden konnte) das ganze Plastikszeug durch Holz ersetzt. Dann stehen dort winzige Holzhaeuser rum. Dann haengt es ab. Kommen mehr Menschen hinzu, richten sich daneben ein, so waechst es und waechst. Vielleicht fangen sie dann an, die Haeuser aus den roten Steinen zu bauen, die so typisch sind, fuers Armenviertel. Wenn das passiert, dann kann man schon sehen, dass es hier ernst wird. Dann wird auch niemand versuchen, die Menschen wegzuscheuchen. Klar: wohin soll man sie denn scheuchen? Sie bauen sich ja doch was auf irgendwo. Das Viertel, in dem ich wohne, ist so entstanden. Plastik, Holz, Stein. Dann haben sie darum gekaempft, dass Wasserleitungen gelegt wurden, dann haben sie darum gekaempft, dass es einen Stromanschluss gibt, dann Telefon. Stueck fuer Stueck errichten sie eine der zahlreichen kleinen Staedte in der grossen Stadt São Paulo. Voll ist es hier.
Und da es stinknormale, meist sehr ungebildete Menschen sind - weil sie nie Moeglichkeit auf Bildung hatten - errichten sie die Haeuschen so wie es ihnen passt. Ein Haus hier, das andere daneben, eines drueber, drunter, eins halb auf dem, halb auf dem anderen. Es ist wie ein Mosaik. Es sieht auch von Weitem so aus.
Und dann soll eine Wasserleitung in ein neu gebautes Haus gelegt werden oder Strom oder Telefon. Ein Akt. Die staedtischen Betriebe machen das schon gar nicht, weil sie wahrscheinlich gar nicht wissen wie. Sie lassen die Leitung fuer Telefon an einem der Masten im Viertel freischalten und den Rest (beispielsweise 75 Meter Kabel) muss man sich von diesem Masten in sein Haus leiten. Ueber Daecher anderer Haueser, mit Hilfe 20 anderer Menschen, die das Kabel an Fenstern vorbei weiterreichen oder auf ihre Daecher kriechen. So sieht es auch aus: ueberall sind Kabel, unordentlich, undefiniert, angezapft.
Oh, ich muss gehen. Beim naechsten Mal mehr, vielleicht versuche ich mal ein Foto?
Agent, gute Nacht ordentliches Deutschland, gute Nacht, ihr Sachen der ersten Welt...
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