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Eintrag-Details: Der Mensch, das ungeheuerliche Gewohnheitstier

07.02.06

Permalink 00:37:04, von agent Email , 813 Wörter, 359 Ansichten   German (DE)
Kategorien: On Tour

Der Mensch, das ungeheuerliche Gewohnheitstier

Meine letzte Betrachtung vom 10. Januar muss ich etwas korrigieren und erweitern. Es sind nicht alle, die nachlaessig leben. Nein, es kommt oft vor, dass ein Haus von aussen ganz schrecklich aussieht, aber innen eine vollkommen andere Welt zu sein scheint.

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Mit Fliesen, Farben, Moebeln und immer technischen Geraeten. Fernseher ist anscheinend das Nonplusultra. Die brasilianischen "novelas" sind beruehmt, nicht wahr? Mir sagte mal jemand, in Portugal wuerden sie nichts anderes als diese Fernsehserien ansehen. Klar, da sind sie alle schneeweiss, reich, wunderschoen und haben enorme Probleme. Letztens hat ein Kind hier im Viertel seine Mutter gefragt, wann es denn blonde Haare und blaue Augen haben wuerde. Tja. Und noch erstaunlicher: Kinder zeichnen sich auf Bildern weiss. Mit blonden Haaren. Ist das nicht erschreckend? Das weisse Ideal. Ueberall hier. In der Werbung, in den Serien, auf der Strasse. Ist man weiss und aus dem Ausland, dann ein so genannter "gringo", dann hat man zwei Arten von Karten: gute und schlechte. Haha. Gute, wenn man sich in einer privelegierten Gesellschaft aufhaelt, wenn man also in eines der gigantischen Shopping-Center geht, die es hier HAUFENWEISE gibt. Allein in meinem Umkreis von vielleicht 5 Kilometern, gibt es Shopping Butantã, Shopping Eldorado, Shopping Iguatemi, Shopping Morumbi... und es sind keine kleinen 0815 Shopping Center. Es scheint als wuerden sie mit den luxurioesen Ausstattungen und Variationen an Laeden einen Konkurrenzkampf machen. Wer das sauberste, zivilisierteste, luxurioeseste Bild abgibt, hat gewonnen. Brasilianer sind unter diesem Aspekt ein guter, dicker Fisch, der anbeisst. Sie scheinen Konsum zu lieben. Vielleicht ist das ein Ueberbleibsel der Militaerdiktatur?
Aber weiter zu den Karten: ist man weiss und trifft auf Armut, wird man natuerlich um Geld gebeten, teilweise ausgeschimpft. Erst wenn ich erzaehle, dass ich in einem sozialen Projekt im Armenviertel mitmache, lassen sie ihre Vorurteile fallen und schaemen sich dann (in diesem Falle kommt es nicht oft zu Gespraechen zwischen sehr Armen und mir auf der Strasse. Dann sind es eher "normale" Menschen), weil ein Auslaender herkommt und in ihrem Land versucht etwas Gutes zu tun.
Ich ertappe mich auch bei der Ueberlegung: warum nicht im eigenen Land etwas tun? In Deutschland gibt es genug zu tun. Es ist das Abenteuer, das Land, es ist Brasilien.
Ich sollte mehr verreisen, um das Land wirklich mal anstaendig zu sehen. Ich merke auch, dass das Leben im Armenviertel und die Probleme, mit denen wir im Projekt konfrontiert werden, sehr viel Kraft kosten. Ja, manchmal ist es sehr anstrengend, das alles zu sehen, die Gewohnheit zu sehen. Ich bleibe dabei: es ist nicht, dass jemand so unendlich arm ist (in diesem Viertel) als dass er nicht ein wenig in seinem Leben aendern koennte. Heute, nachdem ich beim Baecker Broetchen holte, kam mir die Idee, dass das Wichtigste Kontakt mit anderen Menschen ist. Deshalb haben sie nicht das Beduerfnis das Viertel zu verlassen. Sie befinden sich in einer Rechtfertigung (arm sein und daher nichts machen koennen), im Viertel vegetieren (jeden Tag, ohne in die Stadt zu fahren, ohne etwas gegen die Situation zu tun), haben Kontakt mit anderen (denen es genauso geht) und letztendlich: es lebt sich nicht sooo schlecht. Es gibt Strom umsonst, es gibt Wasser umsonst.
Allerdings ist eine Sache traurig: niemand bringt den Kindern bei, diese Art von Autonomie aufzubauen, die ihnen Kraft und Ideen geben wuerde, anders aufzuwachsen als die Eltern. Es gibt viele Kinder, die sehr schlau sind, die ungeheure Talente haben, aber niemanden interessiert es, niemand WILL Mittel bereitstellen, um dem Kind eine Chance zu geben. Das heisst: Kinder fangen an genauso zu vegetieren wie die Eltern. Und sie koennen sich nicht dagegen wehren. Also muss das Projekt diese Arbeit leisten: Eltern ueberzeugen, die Koepfe oeffnen, ihnen zeigen, dass es Moeglichkeiten gibt und dann die Erlaubnis haben, mit den Kindern zu arbeiten. Damit sich ihnen einige Wege mehr oeffnen als nur der, mit 21 Jahren sein Motorrad zu putzen, mit dem dann durch das ein Quadratkilometer grosse Viertel gefahren wird. Jeden Sonntag putzen alle Halbstarken ihre Motorraeder. Sie sind sogar schoen, die Motorraeder, aber sie sind auf Raten gekauft und es wird ungefaehr 4 oder 10 Jahre dauern bis sie sie abbezahlt haben. So gering sind die Raten. Brasilien, so dachte ich mir, nenne ich folgend: das Plastik- und Ratenland. Man kann Sportschuhe auf Raten kaufen und der Korken meiner Badspuele ist aus weissem Plastik.
Uebrigens ist das Bad neu und es kommt mir fast unverschaemt vor, ein so zivilisiertes Bad zu haben. Es ist gefliest, es hat eine Plastiktuer (!) und die Fugen sind Himmelblau. Es ist huebsch, sehr klein und meine Toilette hat keinen Clositz. Aber wer braucht denn auch schon einen Clositz? Hm?
Ich habe mir immer noch keine neuen Sachen gekauft. Wuerde ich jetzt zurueckreisen, so haette ich vielleicht nur 7 Kilo mehr als ich gekommen bin. Wenn ueberhaupt. Ich brauche nichts, denke ich. Mal sehen, wie lange ich das noch denken werde,

Agent
PS: Es regnet und ist heiss. Aber wenigstens regnet es mal.

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