Es regnet. Und ist heiss. Klar, das erschwert natuerlich die Projektarbeit in einem gewissen Masse. Zumal hinzukommt, dass Musik im Armenviertel ALLES bedeutet. Ohne typische, brasilianische Musik kann man sich das hier nicht vorstellen. Die so genannten "batalhas de som", also Kaempfe darum, wessen Stereoanlage am lautesten ist, sind besonders stark, wenn es heiss ist.
Dann gehen die Leute auf die Strassen (das sind dann wirklich sehr volle Strassen, denn es gibt ja hier so ein Menschenkonzentrat), stehen dort rum, beobachten die anderen Rumstehenden und so vergeht ihre Lebenszeit. Zeittroepfchen fuer Zeittroepfchen. Und dazu dieser Laerm. Es ist Laerm und es kann bisweilen richtig wuetend machen. Daher schaetze ich besonders den Morgen oder die Nacht, wenn es endlich still ist.
Ich habe folgenden Gedankengang gehabt: eigentlich ist das Leben hier nicht anders, als wenn wir uns in unserem fertiggebauten Haus vor den Fernseher setzen und so unsere Lebenszeit investieren. Unterhaltung ist alles. Hier ist es genauso, nur dass die Umgebung durch diese enorme Konzentration an Menschen, absolut demotivierend darauf wirkt, sich ein gemuetliches Haus einzurichten. Einfach, weil die Umgebung schon ungemuetlich ist. Wozu also? Diese Denkweise trifft man hier oft. Es ist vernachlaessigt, die Leute achten nicht auf ihre Sachen, Moebel oder Waende im Haus und so sieht es ziemlich haesslich hier aus. Traurig, denn schon mit ein paar anderen Farben und somit frisch gestrichenen Waenden, saehe alles ganz anders aus. Es ist Traegheit, vielleicht auch Faulheit, dass es so haesslich ist. Aber man kann so leben. Man lebt und lebt und stirbt irgendwann sein kleines Leben. Dann ist's weg und die Menschen nahe an einem traueren, aber sonst... ist alles wie gehabt.
Das ist, was diese Welt hier im Armenviertel unterscheidet von dem aussen: der Arme rechtfertigt sich mit seiner Armut und lebt seine Traegheit aus. Ein Teufelskreis. Eine Demotivation. Desillusion. Ein Leben ohne Anspruch, weil Anspruch nur etwas ist, das sich Reiche leisten koennen - angeblich.
Also habe ich bei der Familie, die uns die obere Etage im Haus vermietet, das Wohnzimmer und die Kueche gestrichen. Sie haben natuerlich mitgemacht. Aber was mir ausgefallen ist: sie begreifen, dass "arm" nicht notwendigerweise gleichzusetzen ist mit "haesslich". Das muss man ihnen zeigen. Glamour ist nicht das A und O. Man braucht keine Unmengen von Geld, um schoener zu wohnen, man braucht kein Geld, um anspruchvoll zu sein. Das ist schwer und das ist auch, was mir manchmal viel Kraft nimmt.
Nachlaessigkeit, Agent
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