Webbewegung - Alles,was das Web ausmacht erfahren Sie hier direkt von den webraumfahrern.com

Eintrag-Details: Letzte Woche

21.12.05

Permalink 19:54:18, von agent Email , 883 Wörter, 786 Ansichten   German (DE)
Kategorien: On Tour

Letzte Woche

Diesmal wenig erfreulich: es gab eine Beerdigung. Die Mutter von den ersten beiden Stipendiaten des Projekts ist ploetzlich verstorben. Der Abend, an dem sie gestorben ist, war geplant als Ausflug in eine Churrascaria, einem Grillrestaurant. Zwei von ihren Soehnen, Gabriel und Gideoni, sollten uns begleiten. Allerdings riefen sie an, dass ihre Mutter (10 Kinder hat sie geboren!) gerade eben verstorben sei. Hm. Ich habe keinerlei Erfahrungen damit, was die Konsequenz ist, wenn eine 48 jaehrige Mutter von 10 Kindern zwischen 6 und 20 Jahren stirbt. Was sollte ich tun und wie ueberhaupt sollten wir helfen?

[Mehr:]

Keine Ahnung und schlimmer noch: ich will eigentlich gar nicht in dieser Situation sein. Ich hatte noch keine Konfrontation mit dem Tod. Er ist so weit weg, so fern, sehr fern in meinem Leben. Wir sind also hingegangen, haben die Lage angesehen, gewartet darauf, dass das Krankenhaus den Koerper frei gibt und tja, haben die Kinder angesehen, von denen die Groesseren geweint haben, verstanden haben, was diese Endgueltigkeit bedeutet. Aber die Kleinsten drei verstehen es nicht. Sie verstehen die Konsequenz nicht, sie albern rum und verhalten sich wie jeden Tag. Komisch, das zu sehen und komisch zu wissen, dass sie eines Tages doch mal daran denken werden, dass ihre Mutter gestorben ist, als sie 6 waren.

Und am naechsten Tag schon war die Beerdigung. Alles lief so ab: zuerst gingen wir in die Kirche, in der der Leichnam von Dona Lia aufgebahrt war. Sie lag in einem Sarg, der mit einem Netz bedeckt war und man konnte sie und die Blumen ringsherum sehen. Die erste Leiche, die ich in meinem Leben sehe. Sieht aus als wuerde sie schlafen (das sagen immer alle). Stimmt. Sehr eigenartige, fuer unsere europaeischen Gewohnheiten nicht wirklich passende Musik, aber in Brasilien macht man es einfach anders - es ist eigentlich nicht vergleichbar. Es wird anders Abschied genommen. Jemand wuerde es vielleicht stillos nennen, aber es hat seinen brasilianischen Stil. Man verabschiedet sich hier so wie man auch hier lebt. Und die Brasilianer leben in einem Sonnenland, sie singen und tanzen viel, sie achten nicht viel auf Details, sie kleiden sich nicht in diesem Sinne elegant wie wir... all das praegt auch das Bild einer Beerdigung.

Zumindest konnte man Dona Lia noch einmal ansehen und verabschieden. Dann sollte ein Reisebus alle Teilnehmenden zum Friedhof bringen, der etwa eine halbe Stunde entfernt ist. Als alle schon eingestiegen waren, ist der Busmotor ausgegangen und hatte nun eine Panne.

Ein eigenartiges Bild. Ein Reisebus ausgeliehen von der UNI São Paulo, dazu im Hintergrund das haessliche, an dieser Stelle zugemuellte Armenviertel, die ganzen Teilnehmenden, die aus dem Bus krauchen, die anderen, die auf den naechsten Bus warten. Gut, dann kam der Ersatzbus, wir sind alle hingerfahren, ausgestiegen, dann wurde Dona Lia wieder auf dem Friedhof aufgebahrt in einer Art offener Kapelle, die gefliest war. Nach einem Friedhof wie ich ihn kenne, sah das nicht aus, weil auch noch 15 Meter davon entfernt ein Imbiss war. Also anders. Dann fingen die ganzen Freunde aus der Kirche (die Familie von Dona Lia ist so katholisch, dass es manchmal schmerzt) und aus dem privaten Leben an, zu singen. Das war anders, aber ich fand es schoener als es bei uns gemacht wird. Singen hat sowas anderes als Sprechen. Dann hat ihr Mann ein sehr engagiertes Solo gesungen, waehrend die juengsten Kinder auf den Grabsteinen der anderen rumgehuepft sind, immer noch nicht annaehernd verstehend, was dieser Tag fuer sie bedeutet.

Dann haben sie den Sarg geschlossen und alle sind in Richtung ihres Grabes gegangen. Und da aber muss ich gestehen, konnte ich das, was meine soziale Praegung ausmacht, nicht ganz so schnell ausschalten. Der Friedhof ist auf einem Huegel, man sieht die Stadt von oben. Die gruenen Pflanzen hier sind Pflanzen aus dem Regenwald. Der Boden ist kein Gras wie wir es kennen, nein, natuerlich nicht! Es ist hellroter Lehmboden mit deftig gruenem Regenwaldgras. Auf dem ganzen Riesenhuegel sind schon 20 naechste Graeber vorbereitet. Ein rechteckiges Loch nach dem anderen, anzusehen bei schoenstem Sonnenschein. Und diese Vorbereitung. Alles so, als waere es ganz normal. Hm, gibt mir zu denken: vielleicht ist ja der Tod wirklich ganz normal und man sollte nicht versuchen, ihn als etwas sehr Abstraktes darzustellen. Er ist alles andere als abstrakt. Es ist nur die Angst, den Verstorbenen nie wieder zu sehen. Daher die Erfurcht. Die Macht, etwas Unendliches zu kreieren. Das ist die Macht des Todes. Ja, das habe ich da gedacht, auf dem glitschigen Lehmboden, umzingelt von Menschen, die weinen und anderen, die quatschen.

Auf der Rueckfahrt war die Stimmung schon ganz anders und als wir in der Favela waren, fragte mich Celma (Mutter von drei Kindern, die mich ins Herz geschlossen hat und bei der ich das Gefuehl habe, sie waere auch eine Mutter von mir), ob ich nicht bei ihnen zu Hause essen wollte. Klar, ich habe ja noch nichts gegessen heute. Es gab Reis und Bohnen (gibt es immer) und Lasagne und koestliches gebackenes Huhn und als Nachtisch Pudding mit Karamelsosse... Nahrung fuer meine traurige, weil das Gewicht der Situation empfindende Seele... aber nun satte Seele.

Einen Tag spaeter habe ich den Duschkopf ausgewechselt, einen kleinen Stromschlag bekommen (obwohl ich die Hauptsicherung ausgemacht und es
schon drei mal alles angefasst habe, bevor es sich entschied, mich zu durchzucken!) und alles abgedichtet und dann meine Waesche per Hand gewaschen unter der heissen Dusche...

Trackback Adresse für diesen Eintrag:

http://www.webbewegung.de/htsrv/trackback.php/57

Kommentare, Trackbacks, Pingbacks:

Kommentar von: Websurfer [Besucher]
Super Bericht! Hier in Hamburg ist es trübe und kalt - deine Erzählungen klingen echt immer wie aus einer anderen Welt...
PermalinkPermalink 23.12.05 @ 10:34

Hinterlasse einen Kommentar:

Deine E-Mail Adresse wird nicht angezeigt.
Deine URL wird angezeigt.

Erlaubte XHTML Tags: <p, ul, ol, li, dl, dt, dd, address, blockquote, ins, del, span, bdo, br, em, strong, dfn, code, samp, kdb, var, cite, abbr, acronym, q, sub, sup, tt, i, b, big, small>
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Setze Cookies für Name, E-Mail und URL)
(Erlaube Benutzern, Dich über ein Nachrichten-Formular zu kontaktieren (Deine E-Mail Adresse wird NICHT angezeigt).)

WebBewegung - Blog von Webraumfahrer

Hier finden sich die Geschichten der Webraumfahrer und alles was Webdesign-Interessierte und Online-Marketing-Maniacs fasziniert.

Suche

Sonstiges

Wer ist online?

  • Gäste: 3

Listed on BlogShares

powered by
b2evolution